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chronos theatertexte

In den chronos theatertexten finden Sie aktuelle Stücke für [junge] Erwachsene sowie die Abendspielplan-Werke Erich Kästners.
www.chronostheatertexte.de

 

Das Hamburger Theatermagazin GODOT hat ein Interview mit der allerersten Pippi-Darstellerin in Deutschland geführt:

„Handstand konnte ich noch nie“
Mascha Arentz war die erste Pippi Langstrumpf im Theater für Kinder
Am 27. Februar 1968 hieß es am Theater für Kinder an der Max-Brauer-Allee um ersten Mal: Vorhang hoch! Das erste deutsche, damals westdeutsche, Kindertheater eröffnete mit der Erstaufführung von „Pippi Langstrumpf“.

GODOT: Wie kam es damals dazu, dass Sie die Pippi spielten?
M.A.: Zu der Zeit war ich in Hamburg noch an der Schauspielschule von Hildburg Frese. Ich war 19 Jahre, wirkte kindlich und war selbst wie Pippi. Ich habe ganz klassisch am Theater für Kinder vorgesprochen – und sie haben mich einfach genommen.
GODOT: Es gab in der damaligen bundesdeutschen Theaterlandschaft kein Kindertheater mit Ausnahme der Weihnachtsmärchen, es gab im Grunde wenig Erfahrung mit Kindertheater. Wer hat Regie geführt?
M.A.: Das war Jochen Rathmann, der kam vom NDR, vom Radio. Der war klasse! Bei der Premiere war sogar Astrid Lindgren da. Die fand das toll!
GODOT: Wie haben Sie den Erfolg erlebt? Ein Kritiker schrieb damals, das Premierenpublikum, die Kinder seien sowohl begeisterter und zugleich kritischer als das erwachsene Publikum in den anderen Häusern gewesen...
M.A.: Ob die Kinder kritischer waren, weiß ich nicht. Sie haben alles wiedererkannt, man merkte, sie kennen Pippis Geschichten. Wir haben manchmal vier Vorstellungen an einem Tag gespielt und das alles ohne Doppelbesetzung, sieben Tage die Woche.
GODOT: Was war das für eine Pippi? Wie unterscheidet sich die damalige Bühnen-Figur von heutigen?
M.A.: Die Figuren waren viel schlichter als heute. Es kam mehr auf die Persönlichkeit der Schauspieler an. Die Kostüme waren genau so wie im Buch. Ich musste mir meine Haare färben und hatte diese Riesenschuhe an. Heute wird außerdem viel mehr mit Farben und Formen gearbeitet. Ich fand das Bühnenbild damals zauberhaft naiv. Und in der damaligen Inszenierung gab es noch keine Musik. Heute ist alles viel schneller auf der Bühne, bewegter, tänzerischer, mehr angelehnt an die Verfilmung von Pippi.
GODOT: Pippi gilt manchen als anarchische Figur, wie sehen Sie Pippi?
M.A.: Anarchisch? Nicht wirklich. Pippi repräsentiert eine Lebensform. Sie hilft Kindern zu entdecken, wie man durchs Leben kommt. Dazu gehören Fantasie, Liebe und eigentlich auch Gutmütigkeit. Liebe zu allen Geschöpfen, würde ich heute sagen. Man darf nicht vergessen, was für eine verklemmte Zeit das damals war. Das spiegelt sich in ihren Freunden so schön, den Geschwistern Annika und Thomas, und wie die dann immer mehr aus sich herauskommen.
GODOT: Verstehen Kinder heute noch den Verstoß gegen Benimmregeln bei Tisch? Die Tischsitten haben sich in den vergangenen 40 Jahren doch erheblich verändert. 
M.A.: Doch, die verstehen und erkennen das. Die strengen Erwachsenen auf der Bühne sind im Prinzip noch genauso. In Pippis Geschichte wird, glaube ich, auch viel Archetypisches angesprochen, so wie sonst nur in Märchen. Als ich 2001 noch einmal Pippi spielte, reagierten die Kinder genauso wie früher.
GODOT: Sie haben allen Ernstes vor neun Jahren, im Alter von 53 Jahren die Göre Pippi Langstrumpf gespielt?
M.A.: Ja! Die Schauspielerin war krank geworden. In der Vorweihnachtszeit fand sich nur schwer Ersatz und ich bin dem Haus sehr verbunden. Ich bin aus dem Harz, wo ich damals wohnte, angereist, habe mir die Vormittagsvorstellung angeschaut und abends gespielt. Ich hatte noch nicht einmal ein Rollenbuch. Letztlich habe ich aufs Stichwort improvisiert und die anderen haben mich sanft hin- und hergeschoben. Aber ich hatte die Rolle ja Hunderte Male gespielt, mindestens in fünf Versionen und das Stück auch in anderen Rollen, als ich zu alt für Pippi wurde. Das Theater für Kinder war immer meine Heimat im Kindertheater. Ich habe eben mit Begeisterung und Chuzpe gespielt.
GODOT: Und einen Handstand haben Sie dann auch noch gemacht?
M.A.: Nein, Handstand konnte ich noch nie! Früher habe ich stattdessen Cancan getanzt - und Radschlagen ging immer. Da verwurschtelten sich dann so schön die Unterröcke, das passte zu Pippi!

Das Gespräch führte Angela Dietz
Mit freundlicher Genehmigung des unabhängigen Hamburger Theatermagazins GODOT - www.hamburgertheatermagazin.de