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Baltscheit, Martin

Die besseren Wälder

Ferdinand ist ein Wolf, der bei den Schafen aufwächst. Was ist er also? Ein Wolf im Schafspelz, ein Schaf mit Wolfsfell?
Er springt über Zäune, das tun Schafe nicht. Es ist nicht richtig. Und das war schon immer so. Er singt schöner als alle anderen das "Schafe Maria". So ist es richtig, das hat Tradition!
Wer also ist Ferdinand?
Als seine Freundin tot aufgefunden wird, gerät er unter Verdacht. Ein Wolf ist und bleibt ein Wolf. Das Töten liegt ihm im Blut, das weiß man doch. Das war schon immer so. Ferdinand flieht. Er flieht zu den Wölfen. Er will einer von ihnen werden. Aber die klugen Wölfe wollen verdammt gerne 'Schafe' sein: warme Heizdecken, schicke Kleider, Krankenversicherung... Dass ihr Leben hart ist, machen sie zur Tugend, zur Tradition. So ist es halt.
Eine Gans, die behauptet, ein Fuchs zu sein; und ein Bär, der eine Biene ist: In der Selbstverständlichkeit, mit der sie sind, wer sie sein wollen, bleiben sie die wahrhaft Vernunftbegabten in Martin Baltscheits Stück.
Denn Vieles wird heute gerne über die sogenannte "Natur" gesagt, über das "So bin ich halt". Und zu selten wird gefragt: Warum soll ich so sein? Und warum denn kann es keine Welt ohne Zäune geben mit Heizdecken für alle: 'Allen nach ihren Bedürfnissen, alle nach ihren Fähigkeiten' (Karl Marx).

Die Begründung der Jury des Deutschen Jugendtheaterpreises
Es schneit. Vater, Mutter und Kind hetzen durch den Wald: "Wir laufen nicht davon, wir gehen in die besseren Wälder". Schüsse fallen. Beide Eltern werden niedergestreckt, das Kind zieht weiter voller Hoffnung auf ein besseres Leben.
Szenenwechsel: Frühling. Eine Frau und ein Mann umarmen sich. Schon so lange warten sie auf ein Kind, doch scheint ihnen dieses Glück nicht beschieden zu sein. Vielleicht ist der zu dieser Jahreszeit ungewöhnliche Schnee ein Zeichen. Diesen beiden wird das Kind unvermittelt in die Arme laufen, sie werden es als ihr eigenes ausgeben. Ferdinand wächst behütet in einer gut situierten Gesellschaft auf.
Die Flüchtenden sind Wölfe, das kinderlose Paar ein weißes und ein schwarzes Schaf. Die Schafe leben in einer sicheren, eingezäunten Welt, behütet von Hirte und Hunden müssen sie sich lediglich in der Gemeinschaft von Gleichen einen Platz suchen. Und obwohl in dieser Welt 'Brav sein' einen großen Wert darstellt und jeder nach Anerkennung, Liebe, Glück strebt, tun sich dennoch, auch in dieser Gesellschaft, Abgründe auf.
Der Frieden dieser Gated Community gerät ins Wanken, als aus den Kindern Jugendliche werden und sie Fragen nach dem 'Jenseits der Zäune' stellen. Ein Ausflug des Schaf-Wolfes Ferdinand mit seiner Schaffreundin in die Wildnis endet für das Mädchen tödlich, der Wolf im Schafspelz wird verdächtigt, eingesperrt und kann fliehen. (Den Mord hat übrigens pikanterweise ein Schafhütehund begangen, wie sich am Ende herausstellt.)
Ausgestoßen sucht Ferdinand Anschluss an eine Wolfssippe und versucht ein Leben als Wolf zu führen. Doch in beiden Welten stößt er an starre Vorstellungen. Er kann und will seine Identität nicht verleugnen. In ihm vereinen sich verschiedene Kulturen, so konträr sie auch scheinen mögen. Am Ende geht er mit dem Bär, der meint, eine Biene zu sein und der Gans, die vor nichts Angst hat und deshalb sicher ist, ein Fuchs zu sein.
"Es kommt doch nicht darauf an, wo du herkommst. Es kommt darauf an wohin du gehst und mit wem." Mit diesem Satz am Ende des Stücks gibt Baltscheit einen wichtigen Impuls für jeden Heranwachsenden. Man kann ihn aber auch als einen brandaktuellen Kommentar zur Debatte um Zuwanderung und Integration in Deutschland und Europa lesen.
Mit grafischer Plastizität und dramatischem Gespür hat Baltscheit eine Entwicklungsgeschichte mit vielschichtigen Deutungsmöglichkeiten geschrieben. Gekonnt kleidet der Autor Fragen nach dem 'wir hier drinnen, ihr da draußen' in eine Tierparabel und würzt das Ganze mit seinem scharfen, ernsthaften Humor.
Die Jury des Deutschen Jugendtheaterpreises 2010 zeichnet mit "Die besseren Wälder" eine starke und relevante Geschichte aus, die von überzeugenden Einzelschicksalen ausgehend, über das Indviduelle hinausweist und sich dabei nicht vor Überzeichnung und Komik scheut."

Leseprobe



Besetzung: 2 Dame(n), 3 Herr(en),
Alter: empfohlen ab 14
Uraufführung: GRIPS Theater, 2012 (Regie: Robert Neumann)
Preise und Auszeichnungen: Theatre Café Festival 2014
ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendtheaterpreis 2010
aufgenommen in den Stückepool von Kaas & Kappes 2010

Textbuch:

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